Mit „August von Kotzebue – Ein politischer Schriftsteller mit Geist und Herz“ legt Sven Lachhein ein monumentales Werk vor, das einem inzwischen nahezu in Vergessenheit geratenen Autor gewidmet ist. Der Titel rekurriert nicht von ungefähr auf Kotzebues Zeitschrift „Für Geist und Herz“, setzt der Band doch einen besonderen Akzent auf dem publizistischen Wirken Kotzebues und widmet sich detailliert vor Aufschlüsselung des jeweiligen historischen Hintergrunds seinen verschiedenen periodischen Schriften, mit denen der Autor zu den prägendsten Meinungsbildnern – neudeutsch Influencern – seiner Zeit gehörte.

Lachheins Arbeit orientiert sich hinsichtlich ihrer Gliederung primär an den historischen Gegebenheiten und Ereignissen, die Kotzebue prägten und auf die wiederum er publizistisch maßgeblichen Einfluss nahm; rein biographische Details treten dem gegenüber in den Hintergrund. Literaturgeschichte ist somit das Stichwort, welches das Werk am treffendsten umreißt. Es zeichnet Kotzebues Weg vom humoristischen Bühnenschriftsteller zum Redakteur geistreicher, leichtgängiger und äußerst beliebter Lektüre über seine scharfen und mit der Feder ausgetragenen Kontroversen insbesondere mit den Frühromantikern hin zum meinungsstarken politischen Publizisten nach, der letztlich das tragische Opfer einer verblendeten Ideologie wurde. Auch sein teils segensreiches Wirken im Baltikum, wo er ebenfalls schriftstellerisch und publizistisch tätig war, ist Teil der wissenschaftlichen Abhandlung.

Insbesondere der Facettenreichtum Kotzebues ist es, der in Lachheins Arbeit stets mindestens implizit hervorgehoben wird: Kotzebue übte sich in den verschiedensten Gattungen, feierte internationale Erfolge mit seinen Bühnenstücken und zeichnete sich durch den humanistischen Geist der Aufklärung aus, dank dem er etwa die Lage der Leibeigenen im Baltikum durchaus kritisch reflektierte, sie gar in einem seiner Theaterstückemit einer Textpassage in ihrer Landessprache auftreten ließ und ihnen so auch in der Kunst erstmalig eine Stimme verlieh. Die Besserung deren Lebensumständen ist darauf ebenso zurückzuführen wie auf seine Maßnahmen als Gutsherr in Livland, etwa vermehrt Kartoffeln anbauen zu lassen und so die regelmäßigen Hungersnöte zu lindern. „Thaten, durch Erfolg gekrönt, sind immer Heldenthaten“, so Kotzebue in seinen Memoiren über seine Zeit in Paris.

Ein besonderes Charakteristikum des Bandes ist der vollständige Abdruck der „Noch Jemand“-Stücke, Kotzebues satirischen Bühnenstücke über die Erlebnisse Noch Jemands, seinem nicht ganz so geheimen Geheimnamen für Napoleon Bonaparte. In diesen humorvollen und bissigen Stücken offenbart sich Kotzebues komisches Talent, das er gleichsam mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seiner geradlinigen politischen Einstellung – in diesem Falle gegen den Herrschaftsanspruch des Korsen – wirksam verquickte. Die Quellensammlung geht jedoch hierüber hinaus und widmet sich auch anderen Werken Kotzebues, um so den literaturhistorischen Part optimal zu begleiten und durch sinnvoll ausgewähltes Quellenmaterial zu ergänzen. Hierdurch bietet das Buch die optimale Grundlage für weitere Forschung und Quellenarbeit.

In – exklusive des Literatur- und Quellenverzeichnisses – sechs große Abschnitte unterteilt, bietet Lachheins Arbeit nach Einführung in Thematik und wissenschaftliche Herangehensweise im zweiten Kapitel detaillierte Auskunft über Kotzebues Wirken im Baltikum, wo er sich als Herausgeber der Zeitschrift „Für Geist und Herz“ hervortat. Viel mehr jedoch mit seiner humanen und menschenfreundlichen Einstellung, die sich insbesondere gegenüber den leibeigenen Bauern seines Gutes äußerte. Vor diesem Hintergrund wiederum entspinnt sich, von Lachhein treffend geschildert, der Zwist mit Jannau und Findeisen, denen gegenüber Kotzebue eine aufklärerische, aber dennoch merklich vom Absolutismus geprägte Idee vom Umgang mit der Bauernfrage vertrat. Trotz vergleichbarer hehrer Ziele unterschied man sich in der Art der Durchsetzung derselben – Kotzebue vertrat hier den Standpunkt, dass eine Auflösung der Leibeigenschaft, die als solche zwar grundsätzlich abzulehnen sei, nur unter der Maßgabe langjähriger Bildung der Bauernschaft möglich werde. Mündigkeit hinge also untrennbar mit Wissensstand und Bildung zusammen, die erst in einem langwierigen Prozess erworben werden müsse. Der Gutsherr hingegen habe so lange seiner höheren Pflicht nachzukommen und die Leibeigenen so gut als möglich zu behandeln. Den Ideen Jannaus und Findeisens hingegen konnte Kotzebue hinsichtlich der Frage ihrer Umsetzbarkeit wenig abgewinnen und ließ sich daher, seinem streitlustigen Naturell gemäß, auf einen intellektuellen Streit mit seinen Kontrahenten ein.

Seine literarischen Fehden focht Kotzebue nach seiner Rückkehr aus dem Baltikum, wenn auch bei Weitem nicht ausschließlich, so doch mit besonderer Verve, gegen die Frühromantiker aus. Diesen innig gepflegten Animositäten widmet sich das dritte Kapitel des Bandes. Keinesfalls zu vergessen ist vor diesem Hintergrund seine persönliche Fehde mit Goethe, zu dessen Gunsten Kotzebue heute nahezu gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Der Geheime Rat nahm Kotzebue als Rivalen durchaus ernst; Lachhein verdeutlicht, dass der Bekanntheitsgrad der beiden Dichter zu ihrer Zeit in etwa vergleichbar war, dass jedoch die Literaturwissenschaft und nicht etwa die Zeitgenossen in diesem Wettstreit einen Sieger gekürt hätte. Goethe protegierte die Frühromantiker, mit deren Kunstauffassung Kotzebue als Vertreter der Spätaufklärung nicht d’accord gehen konnte und wollte. Goethes Bewunderung für Napoleon tat im Folgenden ihr Übriges, um die beiden Autoren zu entzweien.

Den neuen und wenig realitätsnahen Ideologien der Frühromantik Kotzebue wenig abgewinnen. Sein „Hyperboräischer Esel“ kann, wie Lachhein aufzeigt, als das bestimmende Drama gegen die Romantik gewertet werden. So nimmt es weiterhin nicht wunder, dass die exponiertesten Vertreter Frühromantik mitsamt der von ihnen propagierten Poetik, namentlich etwa die Brüder Schlegel, zur Zielscheibe seines Spottes wurden. Kotzebue hatte Berlin, das damals das Zentrum der antiromantischen Geisteshaltung war, als Verlagsort für seine gemeinsam mit Garlieb Merkel herausgegebene Zeitschrift „Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete und unbefangene Leser“ (1803 bis 1806/11) gewählt. Wenngleich es nicht lange dauerte, bis die beiden Compagnons in einen Zwist miteinander gerieten, blieb die Stoßrichtung des „Freimüthigen“ klar: Er wurde zum publizistischen Organ, in dem man gegen die Frühromantiker polemisierte. „Neben der oftmals engstirnig anmutenden Auseinandersetzung zwischen Spätaufklärern und Frühromantikern, deren Scharmützel große Teile des ,Freimüthigen´ beanspruchten, sollte nicht übersehen werden, daß Kotzebue mit seinem weitverzweigten Korrespondentennetzwerk und der international ausgerichteten Berichterstattung journalistisches Neuland betrat.“, so Lachhein über die Bedeutung von Kotzebues journalistischem Projekt (Lachhein 2015, S. 112.). Namentlich die „Zeitung für die elegante Welt“ wurde zum Ziel der Attacken des „Freimüthigen“, da sie sich als Sprachrohr der Frühromantiker hatte etablieren können. In der Gelehrtenrepublik herrschten in zunehmend scharfem Ton ausgetragene Streitigkeiten, die erst mit Napoleons Auftritt auf der politischen Bühne Europas zwecks Hinwendung zu bedeutenderen Themata zum Erliegen kamen. Trotz ihrer Differenzen bei der Herausgeberschaft des „Freimüthigen“ sollten sich Merkel und Kotzebue später an der Spitze der antinapoleonischen Propaganda wiederfinden.

Sein kosmopolitisches Denken, das bei aller persönlichen Streitlust mit fachlichen Rivalen stets auf eine friedliche Koexistenz der Völker und insbesondere benachbarter Länder gerichtet war, sträubte sich zunehmend gegen den Alleinherrschaftsanspruch und die kriegerischen und auf Eroberung ausgerichteten Handlungen Napoleons. So nimmt es nicht wunder, dass seinem Kampf gegen Napoleon in Lachheins Band ein eigenes Kapitel gewidmet ist, positionierte sich Kotzebue doch nach erster kurzfristiger Sympathie über eine ausdrückliche Antipathie bis hin zum explizierten Hass gegen Napoleon. Spätestens seit dem Jahr 1806 tat sich Kotzebue als politischer Publizist mit ernsthaftem Anliegen hervor, dessen Meinung eine große Reichweite erzielte und der somit eine Vorbildrolle einzunehmen vermochte. Hervorzuheben ist, dass er in dieser Hinsicht zunehmend einen konträren Standpunkt zu Goethe einnahm, der sich lange Zeit als Bewunderer Napoleons gerierte und dem auch künstlerisch Rechnung trug. Kotzebue hingegen trat mit verschiedenen Publikationen an die Öffentlichkeit, die der Zensur schnell zum Dorn im Auge wurden – man denke an die „Biene“, an die „Ameise“, die nach dem Verbot der ersteren noch im Keim erstickt wurde. Die Quartalsschrift „Die Biene“, von 1808 bis zu ihrem Verbot im März 1810 in Königsberg in hoher Auflage gedruckt, war ein satirisches Medium, in dem Kotzebue seine Meinung von der napoleonischen Zensurpolitik unverbrämt kundtat. „In der ,Biene´ trate zum ersten Mal persönliche Motive Kotzebues zugunsten der Allgemeinheit in den Hintergrund. Selbstverständlich profilierte er sich in seiner antinapoleonischen Haltung, doch das Risiko, das er hierfür auf sich nahm und dessen er sich voll und ganz bewußt war, überstieg bei weitem den Nutzen der eigenen Selbsterhöhung. Wäre es ihm nur um seinen persönlichen Ruhm gegangen, hätte ihn nichts daran gehindert einen Weg zu finden, sich wie sein Widersacher Goethe von Napoleon einen Orden anheften zu lassen.“ (Lachhein 2015, S. 155)

„Die Grille“, das nachfolgende publizistische Projekt Kotzebues, verstand sich den vorherigen Problemen mit der Zensur wegen primär als der Zerstreuung dienendes Medium; eine Politisierung wurde vom Herausgeber expressis verbis und von vornherein ausgeschlossen.

Diese Zeitschriften beziehungsweise nicht zur Umsetzung gelangten Zeitschriftenprojekte sind es, denen sich der vierte große Abschnitt der politischen Biographie mit besonderem Augenmerk widmet und in dem insbesondere eben die politische wie die publizistische Komponente Kotzebues Schaffens zum Tragen kommt.

Das Kapitel verweilt jedoch nicht ausschließlich bei Kotzebues Periodika, denn auch die Bühnenstücke Kotzebues gegen Napoleon nehmen den ihnen gebührenden Raum ein. Hierin zeigen sich der Facettenreichtum und das handwerkliche Können Kotzebues, der als Herausgeber und Journalist ebenso wie als Bühnenschriftsteller brillierte, die Meinung seiner Zeitgenossen prägte und so auf das politische Tagesgeschehen Einfluss nahm. Konsequenterweise schließen sich der Abhandlung Lachheins die „Noch Jemand“-Stücke in vollständigem Abdruck an, die neben etlichen weiteren Quellen einen genauen und spezifischen Eindruck von Kotzebues Schaffen bieten.

Kotzebue blieb zeit seines Lebens ein meinungsstarker Schriftsteller: Sein seit 1813 im Auftrag des preußischen Polizeiministers Wittgenstein herausgegebenes „Russisch-Deutsches Volksblatt“ wurde aus Sicht seines Auftraggebers zu stark von Kotzebues eigener Meinung geprägt. Dies führte zu erneuten Schwierigkeiten mit der preußischen Zensurbehörde, da sich auch befreundete Staatsoberhäupter wie etwa von Schweden durch das Blatt düpiert fühlten. Der großen Beliebtheit des „Russisch-Deutschen Volksblattes“ beim städtischen Bürgertum tat dies jedoch keinen Abbruch.

Das vierte Kapitel bietet darüber hinaus einen hochinteressanten Exkurs zu Napoleons Umgang mit der Presse, da er es als erster Monarch seiner Zeit verstand, die Chancen der Journaille für seine Zwecke einzusetzen und deren Gefahren für seinen Herrschaftsanspruch einzudämmen.

Im Gegensatz zu stärker werdenden nationalliberalen und nationalistischen Tendenzen betrachtete August von Kotzebue das Frankreich Napoleons als missbrauchte Nation und erging sich nicht in xenophob gefärbten vaterländischen Gedanken. Sein „Literarisches Wochenblatt“, das er von 1818 bis 1819 publizierte, wurde zwar von seinen Gegnern als reaktionär kritisiert, erzielte jedoch sehr hohe Auflagen. Nach den Freiheitskriegen, die Kotzebue als Befreiungskriege wertete, geriet er in eine Kontroverse mit der nationalen und liberalen Presse, im Rahmen derer der Jenenser Professor Ernst Moritz Arndt zu seinen größten Widersachern gehörte.

Trotz aller Kontroversen mit der Zensur sollten ihm seine Weltoffenheit und seine Streitlust erst mit dem massiven Aufkommen nationalliberaler Tendenzen zum Verhängnis werden, als er sich die Turner- und Burschenschaften zu Feinden machte. Nicht ohne Grund ist das fünfte Kapitel, das vor den resümierenden Schlussbetrachtungen steht, mit „Kotzebues Untergang“ betitelt. Differenziert schildert Lachhein, wie Kotzebue, vom russischen Zarenhof mit Amt und Würden ausgestattet und mangels anderer Verwendung als Gesandter an den Hof zu Weimar geschickt, zunehmend in Misskredit bei der politisierten Studentenschaft gerät, was letztlich in dem Attentat Karl Sands auf den Dichter gipfelt. Mangelnder Patriotismus wurde dem Weltbürger Kotzebue von dieser Seite zum Vorwurf gemacht, und in der Tat konnte sich der regierungsnahe Weimarer Autor mit der nationalistischen und xenophoben Position eines Ernst Moritz Arndts keineswegs identifizieren, wobei sich Letzterer besonders bei der kämpfenden akademischen Jugend großer Beliebtheit erfreute. Kotzebues von 1814 bis 1816 herausgegebene „Politische Flugblätter“ wurden ihm zum Mittel der Meinungsäußerung gegen den radikalen Professor wie gegen Napoleon. Ein besonderes Bonbon im Kontext der Kontroverse mit den Turnerschaften sind die so geistreichen wie witzigen Auszüge aus Kotzebues literarischen Spitzen gegen seine ideologischen Kontrahenten, die Lachhein seinem Leser darbietet.

Fatalerweise hatte sich Kotzebues Umzug zu seinem letzten Wohnort Mannheim im Jahr 1818, um eben solchen Angriffen seiner Gegner zu entgehen, zumal er nach der kundig geschilderten Bulletin- und der Memoire-Affäre zusätzlich in Misskredit geraten war, als nutzlos erwiesen. Die Tat des jungen Studenten, der unter massivem ideologischen Einfluss des Jenenser politischen Professorentums stand, wurde im Nachgang ohne besondere Berücksichtigung des Opfers instrumentalisiert, um die Karlsbader Beschlüsse fassen zu können.

Lachhein bietet mit seiner politischen Biographie Kotzebues ein Standardwerk, das dem berühmtesten deutschen Schriftsteller aller Zeiten, den nun niemand mehr kennt, wie er konstatiert, auf das Beste Reverenz erweist. Der Stand der Kotzebue-Forschung wird ebenso skizziert wie die (mangelnde) Bedeutung, die ihm in der Literaturwissenschaft ungerechterweise gemeinhin beigemessen wird. Lachheins Band ist mehr als geeignet, die heute gängige Unkenntnis der Person, des Werkes wie des Wirkens Kotzebues aufzuheben. Blinde Verehrung für den Dichter sucht man allerdings vergeblich, da auch Kotzebues menschliche Makel, etwa in den Worten von Zeitzeugen, durchaus nicht unterschlagen werden. Kenntnisreich zeichnet Lachhein den schriftstellerischen Werdegang Kotzebues vor dem hervorragend aufbereiteten, kompakt und doch detailreich dargelegten historischen Hintergrund nach. Zu betonen ist, dass Kotzebue – in welchem Medium, in welcher Gattung auch immer – Bedeutendes schuf: So markiert seine Operette „Die väterliche Erwartung“, in der er den estnischen Bauern eine Stimme in ihrer Landessprache verlieh, den Beginn des nationalen estnischen Theaters. Auf diese Weise wird eine Entwicklung offenkundig: vom populären Bühnendichter und Publikumsliebling zum höchst kritischen politischen Publizisten und Kommentator des Zeitgeschehens, der die öffentliche Meinung seiner Zeit maßgeblich prägte. Zu einem Schriftsteller mit Geist und Herz.